Rayl Patzak

aus sub-bavaria, dem Internet-Lexikon der bayerischen Subkulturen
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Münchner Literaturveranstalter, Poet, Essayist, MC und Slam Master und selbsternannter "einziger Poetry DJ" , geboren 1971. Er ist (Mit-)Veranstalter des Munichslam, der Lauschlounge und des Knisterclub. Außerdem war er von 2001 bis 2005 Fachredakteur für "internationale junge Lyrik und Slam Poetry" bei Deutschlands größter Lyrikzeitschrift "Das Gedicht".

== DIE GESCHICHTE DES POETRY DJ'S RAYL PATZAK ==

Die merkwürdige DJ-Karriere des Münchners beginnt im Winter 1999 eher spielerisch. Rayl Patzak, erbt nach dem Tod seines Vaters dreißig alte Vinyl-Sprechplatten mit Gedichten von Brentano über Goethe bis Zweig, mit denen er aus Spaß auf Turntables herum experimentiert. "Anfangs dachte ich mir wenig dabei. Ich wollte damit Scratchen üben, mehr eigentlich nicht. Dann faszinierte es mich aber, diese alten berühmten Gedichte einfach so mit den Händen manipulieren und verändern zu können. Aber ich wollte nichts Verrücktes erfinden oder ähnliches. Ich hatte noch nicht einmal vor, diese Platten jemals irgendwohin mitzunehmen.", sagt Patzak 2006 zur Süddeutschen Zeitung. Diese 30 Platten bilden den Grundstock zu seiner gigantischen lyrischen Vinyl-Sammlung, die er heute nicht mehr zählen kann. Über 1000 literarische Sprechplatten allein sollen es angeblich sein, vieleicht mehr, vielleicht weniger.

Anfang 2002 beginnt er mit seiner ersten eigenen Poetry-DJ-Clubnacht "Watch Da Poem!Dance Da Poem!" im Münchner SUBSTANZ, bei der er einmal im Monat Gedichte in wuchtige Beats mixt, sowie Novalis und Rimbaud und andere Dichter scratcht, was visuell durch Video-Animationen und Video Clips an seitlichen Leinwänden eindrucksvoll untermalt wird. 2003 wird er DJ des "Hörsalon 60" im bekannten Münchner House- und Elektronik-Tempel "Funky Kitchen". Im gleichen Jahr wird der große Hörbuch-Verlag "Der Hörverlag" auf Rayl Patzak aufmerksam und heuert ihn für das Verlags-Jubiläum und spätere Promotion-Shows für die Lyrik-Hörbücher an.

Der äußerst selbstbewußte Werbe-Slogan "einziger Poetry DJ weltweit" ("The Only Pure Poetry DJ Worldwide") entsteht im August 2003, als Rayl Patzak erstmals in verschiedenen Clubs quer durch die USA auflegt, und realisiert, daß dort, wo Spoken Word Poetry ein großes Thema in den Medien ist, auch kein anderer DJ etwas ähnliches macht. "Ich weiß, daß dieser Slogan gewichtig und groß klingt, aber er stimmt nunmal bis heute. Ich habe 5 Jahre hart an meiner Idee gearbeitet und werde mich nicht vor einigen Journalisten oder sogenannten Popkritikern dafür schämen, daß bisher kein anderer das Gleiche macht und damit Erfolg hat. Das Publikum in den Clubs stößt sich an dem Slogan nicht, sondern freut sich, daß es nicht noch mehr "Oh yeah" Scratches und "Oh Baby, I love you" Vocals von einem weiteren DJ zu hören bekommt. Und ich sage ja nicht, daß ich das Rad neu erfunden habe, sondern nur, daß meines besondere Speichen hat." (Zitat Deutschland-Radio 2005).

Der DJ Name "RAYL DA P-JAY", der auch 2003 entsteht, geht wohl auf die bekannte New Yorker Spoken Word Legende Bob Holman zurück, der damals bemerkt: "He is not just another DJ, he is a true P-Jay, a poetry dj. Rayl is a pioneer in both dj-ing and poetry in his own way. And his way of mixing poems rocks the New York crowd.". An jenem Abend soll Rayl Patzak in Manhattans "Bowery Poetry Club" spielen, doch es ist die Nacht des berühmten "Blackouts" in mehreren US-Staaten und die Stadt versinkt ohne Strom tagelang in Angst und Chaos. Die Reise kann erst nach drei Tagen weitergehen.

Von da an folgen ständig weitere DJ Reisen und Tourneen. In England hat Patzak das Glück, mit Slam-Worldchampion Kat Francois aus London eine nicht uneinflußreichen Unterstützerin zu haben, die ihm hilft, in Großbritanien Fuß zu fassen. Rayl Patzak avanciert ab 2005 zu dem DJ der internationalen Spoken Word Szene. Er legt bei zahlreichen Groß-Events und den National Slams in den USA, England, Frankreich und Deutschland, sowie bei fast allen Slam-Weltmeisterschaften Parties auf. den Last Poets, Ursula Rucker, "The Streets" oder El-P. Doch auch bei altehrwürdigen traditionellen Literaturfestivals im In- und Ausland gastiert er für Eröffnungs- oder Abschlußparties: Roma Posia (Rom), "The International Book Week" (Athen), Europas größtes Lyrikfestival "Poetry Interantional" (Rotterdam) oder "Theatre Royal Literature Festival" (London). Von 2005 bis 2008 spielt er fast 400 DJ-Shows.

In München eröffnet Rayl Patzak 2005 im Volkstheater, zusammen mit der Veranstalterin Antje Zelnitschek, den "Knisterklub", eine monatliche Hörspiel-Erlebnis-Welt mit Liegemöbeln, besonderer Deko und Tonnen an Süssigkeiten, die thematisch zu den Hörspielen passen. Im Dunkeln machen die Besucher es sich auf Kunstrasenflächen, in Betten oder Liegestühlen gemütlich und lauschen verschiedenartigsten Hörspielen. Drumherum und danach legt Rayl Patzak auf. In den Münchner Kammerspielen wird er 2005 Gastgeber und DJ der "Lauschlounge", einer Poesie-Clubnacht mit zahlreichen Gästen aus dem In- und Ausland und mit Party-Charakter.

Eine Vorliebe entwickelt der DJ für besondere Locations oder Inszinierungen: Er spielt auf Hochhausdächern, im Opernhaus von Detroit, auf Hebebühnen über dem Münchner Odeonsplatz, dem Binnenhafen von Brüssel, der "Stationi Termini" in Rom oder in fahrenden U-Bahnzügen, die eigens zum Club umgebaut werden.


== STILISTISCHE ENTWICKLUNG VON RAYL PATZAK ALS DJ ==

Rayl Patzak musikalisch in typische Genres wie Hip Hop, House oder Elektronik einzuordnen, fällt schwer. Sind die frühen Mixes um 2001 noch stark vom avantgardistischen und elektronischen Hip Hop, im Stil von Anticon oder ähnlichen Labels geprägt, und auch oft auch eine simple Aneinanderreihung von einzelnen Beats mit je einem Hölderlin-, Hesse-, oder Jandl-Gedicht in der Mitte und kruden Übergängen, ändert sich der Stil um 2003 zu einer Fusion aus Elektro-, Jazz-, Breakbeat- und Drum'n'Bass Elementen, die rasch ineinandergleiten und am ehesten mit der Musik von DJ Krush, dem New Yorker Avantgardisten DJ Spooky oder vielleicht DJ Shadow zu vergleichen sind, nur das der lyrische Anteil in den Sets höher ist. Bei den Gedichten kommen hier oft Vocoder und allerhand Effektoren zum Einsatz.

Spielt Rayl Patzak anfangs fast nur Mixes, die Gedichte von bedeutenden toten Dichtern enthalten, änderte sich dies mit dem Aufkommen der Platten- und CD-Veröffentlichungen von Spoken Word Artists wie Ursula Rucker, Saul Williams, Voice, Ainsley Burrows, oder gar "The Streets", deren DJ Voract Rayl Patzak auf einigen Konzerten der "Original Pirate Material Tour" 2003 wird, und die ihn musikalisch bis heute bedeutend prägen. Elemente von 2Step, UK-Garage und wummerndem Elektro halten mehr und mehr Einzug, zumal Rayl Da P-Jay auch ab 2004 häufig in England gastiert. Die DJ Auftritte werden härter und sind extremer auf den Dancefloor orientiert. Gedichte gibt es immer noch, allerdings nicht in so massiver Häufung.

Daneben entwickelt der P-Jay zwischen 2003 und 2004 einen ganz anderen Stil, der im absoluten Kontrast zu den üblichen elektronischen Poesie-DJ Sets steht. Als 2003 der Hollywood-Spielfilm "Pinéro", der die Geschichte des New Yorker "Nuyorican Poets Cafè" erzählt, weltweit in die Kinos kommt, spielt Rayl Patzak eine Reihe von Film-Parties. Hierfür kreiert er einen DJ Stil, den er "Loisaida Jive" nennt, und der den typischen "Blaxploitation" Sound der frühen 70er Jahre mit puertoricanischen Rythmen und kurzen Poemen typischer Lower East Side Berühmtheiten, tanztauglich mixt. " Die New Yorker Lower East Side und das Nuyorican Poets Café sind das poetisches Mekka der Spoken Word Poetry. Nirgends ist Dichtung näher am Puls des Lebens als dort. Nirgends, nicht einmal in Chicago, wurde mehr Spoken Word Geschichte geschrieben. Ein ganz eigener Stil von Jazz, Funk und Soul liegt in der Luft und mischt sich mit den coolen Reimen der Jive-Talker und Straßenhändler, die irgendwie alle Dichter sind. Dieses sonnige Lebensgefühl zwischen Manhattans Avenue B und C in Mixes zu fassen, ist eine faszinierende Sache für einen DJ." (Interview im Rahmen einer Film-Review zu Pinéro in "Go", 2003). Bis heute spielt Rayl Da P-Jay hin und wieder zu passenden Gelegenheiten solche Retro "Loisaida Jive" Sets voller New Yorker Spoken Word Geschichte. Einige der ursprünglichen "Loisaida Jive" Tracks hat er allerdings später auch zu Elektro-Funk Versionen mit karibischer Prägung remixt und so einen Übergang zu seinem heutigen Elektro-DJ Style hergestellt, darunter Gedichte von Miguel Pinero, Miguel Algarin, Sekou Sundiata, Carl Hancock Rox oder den Last Poets.

Recht orginell sind die wiederum elektronischen Remixes und Remakes aus der Zeit zwischen 2004 und 2007: Goethes "Prometheus" in einem wuchtigen "Alexas Sorbas" Remake, eine 2Step Version der "Captain Future" Titel-Meldie mit Auszügen aus Schillers "An den Mond" oder ein tanzlastiger Elektro-Disco-Remix der "Rocky" Box-Hymne, die einen imaginären Länder-Dichtungs-Wettkampf zwischen Goethe (Deutschland), Shakespeare (Großbritanien), Moliére (Frankreich) und Sophokles (Griechenland) beinhaltet, bei dem jede Runde nach einer Minute stets von einem überlauten Runden-Gong beendet wird. In dieser Zeit mixte er auch den "International Rhyme Fight GmbH & Co. KG", bei dem Eminem, Mohamed Ali, Saul Williams, Heinz Erhard und Pumuckl mit ihren Reimen in gepitchter Micky Maus Sprechgeschwindigkeit übereinander herfallen.

In den letzten zwei Jahren lösten sich die DJ-Sets immer mehr vom Avantgarde-Hip Hop hin zu eletronischen Cocktails aus Minimal und Downbeat einerseits und einer tanztauglichen Mixtur aus Funk und wuchtigem Elektro-Punk mit leicht britischer Prägung, alles hier und da gewürzt mit Spoken Words. Aber mehr und mehr scheint die Musik für Rayl Patzak in den Vordergrund zu rücken. Neben Plattenspielern und Mixern kommen nun auch live stets MPC, oft auch Synthesizer und Sampler zum Vorschein. Gerade bei Solo-Auftritten entwickelt sich der einstige "orginelle Poesie DJ, der alte Lyrik-Platten mit Musik spielt" (Zitat aus der Zeitschrift "Max", Hubert Burda Medien, 2003) immer mehr zum Elekto-Konzert mit eingestreuten poetischen Elementen.

==INTENTION DES POETRY DJ'S ==

Laut eigener Aussage will Rayl Patzak als "Poetry DJ" im Club-Einsatz garnichts anderes bewirken, als andere DJ's auch. "Ich setze die Gedichte in Mixes ein, wie andere DJ's Vocals oder andere Stimmen, das ist der einzige, wenn auch ein orgineller, Unterschied. Mir ist in erster Linie wichtig, daß ich die Stimmung der Menschen im Club auffange und als DJ reflektiere. Der Abend fängt smooth und ruhig an und enthält anfangs viele kleine verschiedene Gedichte, oft auch in Scratches zerlegt, in gechillten feinen soulig-jazzigen Beats. Die Stimmen in der Musik wirken auch, wenn man trinkt, sich unterhält und einfach eine gute Zeit im Club hat. Ab einer gewissen Uhrzeit will ich aber einfach nur noch rocken. Und Gott weiß, das ich das sehr gut und sehr laut kann." (Interview - Deutschland Radio, 2005).

Anders verhält es sich mit Showcases für Kultur-Institute wie das Goethe-Istitut oder kurze DJ-Auftritte vor den kulturbürgerlich besetzten Stuhlreihen eines Literatur-Festivals: "Ein Showcase ist nunmal keine Party. Hier geht es nur um Gedichte und deren Scratches, und das, was ich auf Plattenspielern und mit Samplern als DJ damit zu machen vermag. Wenn ich Showcases zu einem besonderen Thema oder zu einem Dichter spiele, wollen die Besucher nicht abgehen, sondern sehen, wie ein DJ einen Dichter interpretiert und dessen Werke vertont. Sie kennen Orchester, Schauspieler, Opernsänger oder Liedermacher, die Dichter interpretieren. Aber ein DJ ? Für viele, gerade für ältere Gäste solcher Anlässe, ist es überhaupt das erste Mal, daß sie einem DJ real begegnen. Bisher war das für sie ein fernes Wesen aus der Welt ihrer Kinder oder Enkel, der Musik, die ihnen ein Greuel ist, in eine Reihenfolge bringt, und das in ohrenbetäubender Lautstärke. Zum ersten Mal sehen sie hier, daß man Plattenspieler wie ein Intrument spielen kann und sich damit sogar Gedichte vertonen lassen." (Interview - Deutschland Radio 2005)


== RAYL PATZAK ALS GASTGEBER VON POESIE-SHOWS ==

Rayl Patzaks Rolle als Gastgeber und Moderator von Poesie-Shows und Poetry Slams ist nahezu untrennbar mit seinem langjährigen Bühnen- und Geschäftspartner Ko Bylanzky verbunden. 1996 startete er mit ihm zusammen den Münchner Poetry Slam im Substanz, der heute der größte regelmäßige Poetry Slam in Europa ist. Weitere regelmäßige Show-Formate, die beide entwickeln, sind: "Kiezmeisterschaften", "Poetry in Motion", "Speak & Spin" oder "Poetry! Dead or Alive ?", ein Poetry Slam Theaterformat, das Patzak und Bylanzky 2002 in den Münchner Kammerspielen erfinden. "Poetry! Dead or Alive ?" wird, neben dem "Substanz Slam" die erfolgreichste Projekt der beiden Münchner und breitet sich auf viele renommierte Bühnen in ganzen deutschsprachigen Raum aus, darunter das Hamburger Schauspielhaus, das Züricher Schauspielhaus, das Dresdener Schauspielhaus oder die Berliner Schaubühne. 2009 kommt "Poetry! Dead or Alive ?" in voller Länge ins Fernsehen (ZDF/3 Sat).

Rayl Patzak ist künstlerischer Leiter von Spoken Word Programmen großer Literatur-Festivals im In- und Ausland. Er konzepiert Workshop-Modelle für Schüler und richtet mit Ko Bylanzky 1998 und 2006 zweimal die deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften in München aus.


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