Tourette Tv

aus sub-bavaria, dem Internet-Lexikon der bayerischen Subkulturen
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1999 von Tobias Yves Zintel gegründetes Videolabel: 'Bewegte Kunst'-Team um tyz.

Zusammenarbeiten

  • von 1999 bis 2003 zusammenarbeit mit tim trachte und urban zintel.
  • von 2003 - 2005 zusammenarbeit mit benedikt sarreiter, paul phillip hanske, matthias görig, mirko hecktor und florian moser.
  • 2005 heissen die neuzugänge fausto molina und helmut klinger. transfers: teamstock: benedickt sarreiter, paul phillip hanske, florian moser. abgänge: tim trachte (2002), urban zintel (2001), matthias görig (2005) , mirko hecktor (2005). neuzugänge: fausto molina, helmut klinger und paolo caprone. produziert werden die videos von rotationscope.com

Videos, Filme

  • ein belgischer produzent co-produziert einen teil der tourette-tv videos.

1998 Revue Rouge, uraufführung auf demint. performancekongress in berlin juni 89 2002 "Lo stretto" anfänglich als 90 minütiger film geplant, gedreht in messina/sizilien, wurde zwar nie vollendet, aber um zwei weitere, in deutschland gedrehte variationen erweitert und 2004 abgeschlossen. 2003-2005 - #1#2#3 3teiliges 35 min. filmessay über identität, rituale und pop 1993-2005 - 2 stündiger film über zwölf jahre aus dem leben meines "SS" grossvaters ernst senn von 1933-1945 gegenübergestellt meinem eigenen leben von 1993-2005 anhand von videos und photos.

  • musikvideos für u.a.

1999 Pelzig, 2001 Monoland, 2001/2003 Les Dickinsons für Les Dickinsons wurden zwei dvds produziert. die dvd von 2003 zeigt münchner drummer u.a. von console, bartlebees, telareport, notwist, HELLFIRE etc etc. 2004 Dis*ka mit Matthias Görig 2005 Murena zusammen mit murena wurde versucht musik nicht als filmmusik zu missbrauchen und videosequenzen nicht auf ein visuelles beiwerk zur musik zu reduzieren.

  • imagefilme u.a. für caritas, bundesagentur für arbeit, area-strategic design etc.

Theater

  • kammerspiele "battle battle battle" bunnyhill 2004
  • schauspiel frankfurt: plattform unter der regie von peter kastenmüller, video zusammen mit matthias görig.
  • kammerspiele münchen: lulu-live von luc perceval. video: fausto molina.
  • schauspiel frankfurt: abalon von fritz kater, regie: peter kastenmüller. video: tyz.

Sonstiges

  • "club-transmediale" 2004
  • "favoriten" junge kunst in münchen im lenbachhaus
  • "24 hours" registratur.

Links


DIE CHOREOGRAPHIE DER TOURETTEN

Von: Didi Neidhart

EINLEITUNG (noch in Arbeit)

„Wir nicht Siegfried und Roy, sondern Marx & Cocacola“ (T.Y. Zintel) Tobias Yves Zintel 29 & Matthias „Matze “ nicht „Hias“ Görig 25 - Marx&Coca Cola - Die studierten Konzeptkünstler an der Kunstakademie

TOURETTE-TV-ROOTS - MUSICALS REVISITED

In seinem 1969 erstmals publizierten Text »Das Singen im Regen. Über die seltsamen Wirklichkeiten im amerikanischen Filmmusical«, definiert Alf Brustellin die klassischen Hollywood-Musicals als »Antiwelten« und »Gegenwelten«, als Kino der »Lügen, Verschleierungen, Verleumdungen, Verdrehungen, Verschönerungen«, gesegnet mit einer »Realitätsfeindlichkeit«, die sogar soweit geht, dass »Natur« und »Natürlichkeit (...) »dem Musical feindlich gesinnt« sind. Womit Musicals (wie der Zeichentrickfilm) eigentlich schon P!O!P! pur sind. Wie bei Bugy Bunny, Duffy Duck & Co gehören auch bei den Musicals »Parodie, Satire, Zitat, Anspielung (...) zu den unerlässlichen Topoi des Genres«.

Auch Juliane Rebentisch stellt in ihrem Text „Musical, Camp, Queer Underground“ das klassische Hollywood-Musical als „den verdrängten kulturindustriellen Ursprung des Experimentalfilms“ dar (Jack Smith, Andy Warhol, Kenneth Anger). Jetzt geht es in diesen Filmen nicht nur um entfesselte Kamerabilder, sondern auch um die Körper davor. Im Musical tanzt das Kamera-Auge, mit jenen Objekten – seien dies nun Tänzer/Tänzerinnen oder andere Objekte – die ihm vor die Linse kommen. Als Tanzfilm produziert das Musical, wie es Alf Brustellin sagt: Die „Illusion (...) der totalen Beherrschung des Körpers, der, so scheint es, keinen Naturgesetzen mehr gehorcht.“ Womit vor allem die Schwerelosigkeit von Fred Astaire (im Gegensatz zur virilen Sport-Gymnastik-Maskulinität eines Gene Kelly) mit Bugs Bunny, Duffy Duck & Co kurzgeschlossen wird Nicht umsonst gilt daher speziell für das Musical (aber nicht nur dort) die klassische Definition von Tanz als »Übergang von einer Welt zur anderen, [als]Eintritt in eine andere Welt: zugleich Einbruch und Erforschung.«, wie es Gilles Deleuze einmal formulierte. All das findet sich nun auch – bewusst oder unbewusst - in den Arbeiten bzw. Choreographien von Tourette-TV. Zuvor ist es jedoch notwendig den Begriff „Tourette“ – unter dem sich sicher die Meisten konstantes Fluchen vorstellen – genauer zu definieren und hinsichtlich seiner Bedeutung für Tourette-TV abzuklopfen.

WAS DIE TOURETTEN EIGENTLICH MACHEN

Kurz gesagt besteht das „Tourette-Syndrom“ aus zwanghaften immer wiederkehrenden Verhaltensweisen, die sich spontan entweder in unkontrollierbaren motorischen Zuckungen oder in immer wiederkehrenden, sich scheinbar loopenden, dabei jedoch gezielten Bewegungen ausdrücken (z.B. Schlag auf die Stirn). D.h., bei dieser Krankheit leiden die Betroffenen unter unkontrollierten und unkontrollierbaren Bewegungen, sie sprechen regelrecht im Burroghschen Cut-Up-Verfahren, vermischen dabei normale Umgangssprache mit sogenannter Fäkalsprache und wiederholen dabei bestimmte Verhaltensmuster immer und immer wieder. Durch dieses sogenannte „Tick-Syndrom“ loopen sich Tourette-Patienten sozusagen selber, werden zu ihrem eigenen Loop, bzw. zu ihren eigenen Loops.

LOOP? WAS IST DAS?

Was ist nun aber ein „Loop“? Bzw. was ist ein Loop, wenn es dabei nicht um Musik, sondern um den Körper – „The Body“ – geht? Dazu schreibt JUDITH BUTLER in ihrem Essay „Imitation und die Aufsässigkeit der Geschlechtsidentität“, dass ein Loop als Effekt seiner selbst den „Anschein von Kontinuität oder Kohärenz“ produziert. Ein Loop ist also eine Selbstvergewisserung. Die Kopie einer Kopie, die notwendig ist, damit ich Satze sagen kann wie „Ich bin ein Mann.“, „Ich bin eine Frau.“, „Ich bin ein Mann in einem Ballettkostüm und trage dazu Hasenohren.“ Diese Loops, bzw. der Zwang dazu, sind für Butler nun aber auch durch emanzipatorische Potentiale gekennzeichnet. Sie schreibt: „Paradoxerweise wird gerade durch die Wiederholung dieses Spiels auch die Instabilität derselben Kategorie, die durch die Wiederholung konstituiert wird, erst hergestellt.“ D.h., erst die Wiederholung ermöglichst die Grundlage für die dekonstruktivistische „Möglichkeit der Störung“, im de-/anti-essentialistischen Sinn von Butler. Interessanterweise finden wir ausgerechnet beim vermeintlichen Butler-Gegner Slavoj Zizek wortkräftige Unterstützung für diese Thesen. Denn, so Zizek in „Die Puppe und der Zwerg“ über den Akt der Wiederholung: „Dies ist es, was Hegel als Die dialektische Einheit der Gegensätze bezeichnet: Monotonie ist die höchste Idiosynkrasie, Wiederholung erfordert die größte kreative Anstrengung.“

TOURETTEN-SPEAK

Die oben schon erwähnte „Tick-Störung“ erhält nun bezogen auf die Arbeit von Tourette-TV ein gänzlich neue Perspektive. Denn, so die nun akute Frage: Wie produziert Tourette-TV diese endlos scheinenden Choreographien die als immer wiederkehrende motorische Verhaltenspattern die totale somatische Dysfunktion der Tourette-Patienen durchziehen? Dazu müssen wir jedoch zuerst zum augen- bzw. ohrenfälligsten Charakteristikum des Tourette-Syndroms kommen. Der Teil, der das Tourette-Syndrom so interessant macht, sind die von den Betroffenen nicht zu kontrollierenden sprachlichen Eskapaden, die sich vor allem in Hass-Triaden und Beleidigungen gegen alles und jeden richten. Weiterhin ist jedoch interessant, dass touretteierte Menschen, in dem Moment ihre Störung verlieren, wenn sie selber Musik machen. Und das – die Musik! - ist nun die letzte Komponente bzw. Parallele zwischen dem eigentlchen Tourette-Syndrom und Tourette-TV - neben dem Loop, dem Cut-Up-Verfahren und der Beleidigung („Visuelle Beleidigungen“ nannte Gabriel Pakleppa alias DJ Jäger 90 einmal die Arbeit von Tourette-TV). Wie machen das nun aber die Touretten? Wie produzieren sie ihre visuellen Choreographien?

TOURETTE-TV ALS TOURETTE-MASCHINE

Das ist eigentlich ganz einfach. Bei Tourette-TV produzieren die beiden Rechner als Art Maschinen-Unterbewußtsein der Laptops das Tourette-Syndrom. D.h., Scheinbar „normale Bilder“ – und in Zeiten x-beliebiger, digitaler „Bildschirmschoner-Ästhetiken“ (Zintel) fraktaler Augenaufreger vom kybernatischen Anfang von Früher reichen dazu schon Bilder von Humanoiden in Hirsch-, Hasen-, Autonomen-, Ballett-Kostümen – werden von und mit inhaltlich diametral entgegen gesetzten Bildfragmenten durch- und verschnitten. Die Verknüpfung von Maschine und Unterbewusstsein/Unbewusstem geht dabei natürlich auf den „Anti-Ödipus“ von Deleuze/Guattari zurück und meint damit u.a. eine Maschine als deus ex machina, als „Verblüffungsapparatur und Verwirreinrichtung.“ Natürlich auch als „Wunschmaschiene“ bzw. „wünschenden Maschine“. Und was sind Apparaturen zur Produktion visueller Gebilde anderes als „Wunschmaschinen“? Nun haben aber auch diese „Maschinen“ ihre Ticks. So kommt etwa Hans Blumenberg 1960 in seinen „Paradigmen zu einer Metaphorologie“ bezüglich der Bedeutung des Begriff „machina“, „machine“, „macchina“ in „historischen Texten“ zu folgendem, schon sehr an Tourette-TV erinnenden, Schluss: „Sein übergreifender Bedeutungsgehalt geht auf ein komplexes, zweckgerichtetes, aber in seiner Zweckmäßigkeit nicht ohne weiteres durchsichtiges Gebilde...(zurück): ein listiges Manöver, ein betrügerischer Trick, eine verblüffende Wirkung“ Die Maschine, egal ob nun zum Wünschen, Sehen, Hören, oder was auch immer, zusammengebaut, hat so gesehen immer auch solche Anteile in sich die wir mit Jahrmarkts-Attraktionen, mit Spektakeln, mit Wunderkammern, Laterna Magica-Vorführungen, kurz: mit dem Sublimen, dem Geheimnisvollen, dem nicht in unsere/eine symbolische Ordnung überführbaren in Verbindung bringen bzw. in Verbindung bringen können. Um hierbei noch einmal ein paar Gedankenschrauben weiter zu drehen ein Zitat von Henning Schmidgen aus seinem Buch „Das Unbewusste der Maschinen. Konzeptionen des psychischen bei Guattari, Deleuze und Lacan“

„Deleuze und Guattari vergleichen das Unbewusste mit einer Maschine, aber sie tun dies nur insoweit, als die Maschine selbst mit dem ihr eigenen Unbewussten konfrontiert wird. Was dann zum Vorschein kommt, ist weder ein psychischer Automatismus noch eine robuste Stahlkonstruktion, noch ein bloßer Algorithmus, sondern eine weiche Organisation von heterogenen, materiellen und körperlichen Fragmenten, die gemäß einem merkwürdigen Ideal des Kaputten zusammen funktionieren: Maschinen des Unbewussten, die mit dem Unbewussten der Maschinen in Verbindung stehen.“ Wir können das jetzt aber für Tourette-TV auch simpler (um)formulieren. Denn vordergründig, also im Club, bei der Primäraktivität Tanzen geht es wahrscheinlich eher um „Bilder des Unbewussten, die mit dem Unbewussten der Bilder in Verbindung stehen“.

TOURETTE-TV – BILDERBÖGEN FÜR ANDERE BILDER

Aber was sind das für Bilder? Wie sind sie beschaffen? Warum wollen sie nicht einfach Visuals genannt werden? Dazu zuallererst einmal das Auffälligste: Die Bilder von Tourette-TV „unterscheiden sich von denen, die es sonst in Münchner Clubs gibt – dadurch, dass sie konkret sind.“ (SZ) Und zwar sind sie so konkret, dass erneut Gilles Deleuze in Spiel kommt. Der schreibt nämlich im ersten seiner beiden Bücher über das Kino bezüglich der Krise des Aktionsbildes (also jener Krise, die das Nachkriegskino vor allem in Italien und den USA bedraf), dass „ das Bild nicht mehr auf eine umgreifende oder synthetische, sondern auf eine partikularisierte Situation" verweist. Wir haben es also mit Bildern des "Zufalls", der "Zersprengtheit" und der "Zusammenhanglosigkeit" kurz mit "freischwebenden Bildern (...)anonymer Klischees" zu tun. Das klingt zwar einleuchtend, vergegenwärtigt man sich einen Abend mit Tourette-TV, trifft jedoch auf deren Arbeitsweise nur bedingt zu. Denn wo Deleuze noch von narrativen Gerüsten – und mögen diese noch so löchrig und einsturzgefährdet gewesen sein – ausgeht, fehlt bei Tourette-TV dieses Spielfilm-Charakteristikum ja beinahe zur Gänze (was nicht bedeutet, dass Tourette-TV keine Geschichten erzählen würden).

ZWISCHENBILDER-BÖGEN

Daher besteht auch der Hauptaufwand bei Tourette-TV in der intensiven Vorbereitung und der richtigen (Vor-)Auswahl des visuellen Materials. Denn als alte Rhizomatiker wissen sie nur zu genau, was Deleuze einmal zu postmodern agierenden Kraut- und Rüben-Vermischern ins Stammbuch geschrieben hat: „Aber zu jedem Zeitpunkt ist nicht jede beliebige Kombination möglich.“ Und sie was machen nun die Bilder, die uns Tourette-TV vor Augen führt? Sie „stottern und stammeln“ im besten Deleuzeschen Sinn. Und zwar tun sie dies gleich doppelt: nämlich als “Tick-Störung“ schon im Bild, als „tick-gestörtes“ Bild. So ziehen Tourette-TV mit ihren beiden Laptops Linien und Fäden, stets gebrochen (auch im ganz simplen Analog-Kurzschluss zu „Break-Beats“) und „immer wieder >nebendran< ansetzenden“ (Gilles Deleuze). Dadurch entstehen nun aber genau jene „Zwischenräume“ - „zwischen der Aktion, die auf diese Bilder einwirkt, und ihrer Reaktion“, so Deleuze, die sich im Club nun aber nicht nur zwischen den Bildern, sondern auch zwischen den Bildern und den Sound und daher auch innerhalb der Musik auftun.

Und hier wird Tourette-TV wirklich subversiv. Dazu noch einmal Gilles Deleuze: „Das Wichtige wird vielleicht sein, leere Zwischenräume der Nicht-Kommunikation zu schaffen, störende Unterbrechungen, um der Kontrolle zu entgehen.“ Das klingt einfach – ist es aber bei weitem nicht. Und wie machen es Tourette-TV trotzdem? Zum Beispiel durch „falsche Anschlüsse“. Diese „falschen Anschlüsse“ sind natürlich all jene Cuts, Scratches und Breaks, die Löcher hinterlassen, also keine fließenden Übergänge produzieren, sondern immer entweder zu früh, oder zu spät ein/ausgeblendet oder in der Schwebe gehalten werden – ganz konkret wenn etwa bei einem Sprung in die Luft, der Absprung und das wieder auf .den Boden kommen im Loop einfach nicht vorkommen. Dadurch entstehen u.a. sekundäre Zeit- , Geschwindigkeits- und Rhythmus-Ebenen die auch auf unsere Wahrnehmung und Motorik wirken (können).. Die Entscheidung für „falsche Anschlüsse“ verweist also nicht auf „technische Unzulänglichkeiten“ (die es so ausgedrückt sowieso nie gibt), sondern auf bewusste Entscheidungsprozesse bezüglich der Verwendung spezieller (das Zeit/Raum- aber auch das Körperempfinden transformierender) Techniken und Taktiken. Tourette-TV befindet sich so „an der Schwelle zu einer neuen Sprache“, um einen von Kodwo Eshun eigentlich auf „Unbekannte Audio Objekte“ gemünzten Satz zu paraphrasieren. Und mit dessen Definition von Groove, die auch so wunderbar auf Tourette-TV zutrifft, möchte ich nun auch enden.

„Groove entsteht, wo einander überschneidende rhythmische Muster ineinandergreifen, wenn Beats synchrovermatscht werden.“ (Kodwo Eshun)