Kamerakino

aus sub-bavaria, dem Internet-Lexikon der bayerischen Subkulturen
Wechseln zu:Navigation, Suche

Münchner Band von Relle Büst, POLLYEster, Sebastian Meyhöfer, Piko B, Tagar und Tom Wu.

Frühere Mitglieder:

Selbstbeschreibung

Zusammenfassend lässt sich über die ersten 5 Jahre KAMERAKINO (2ooo-2005) folgendes sagen: Die Leute klatschten spontan Beifall und die Band wuchs plötzlich auf über 7 MusikerInnen an der Zahl, die es allesamt leid waren in Retro-Genrebands mit Schubladenmusik wie Ska, 60ies-Garage oder auch Funk und Jazz die jeweiligen Szenen zu bedienen. Damit war jetzt schluss. Auf die Frage "Ist KAMERAKINO eher ein Münchner oder eher ein internationales, nicht zu verortendes Phänomen?" gibt der Beipackzettel zur Vinylsingle "Drahtseillady Elektra - Du bist mein Fall" hübsch Auskunft:

"Elektra läuft auf einem Strich vor der Tür hin und her" behauptet Dekadenz-Dichter Hugo von Hofmannsthal in seiner Version des Sophokles-Stoffes, und nimmt ganz nonchalant den Schluß des Kamerakino-Klassikers "Drahtseilakt" vorweg, zu hören auf dem 2003er Album "Paradiso". Damals verabschiedete sich die Drahtseillady im Morsealphabet vom Strich - nun kommt sie wieder und hämmert gegen die Tür des Palastes.

Drinnen beschreibt ihr Bruder Orest einen Lauf, der stark an den von Captain Martin Sheen in "Apocalypse Now" erinnert, wie dieser zu "The End" von den Doors im züngelnden Schein der Fackeln ins Zentrum des Dschungelpalastes eindringt um seinen abtrünnigen Vorgesetzten Colonel Marlon Brando zu erschlagen - ein Auftrag der eigenen Regierung. "Father, yes son?, I want to kill you. Mother - I want to..." zischt Jim Morrison da.

Hank Schmidt-in-der-Beek von der Münchner Mod-Legende The Beatmen (ein Bandname, der durchaus auch eingedeutscht, also wie das Verb "Beatmen" gelesen werden konnte) machte in "Schichtarbeit", ein R&B-Stück welches mit einem Text aus dem Soziologie-Schulunterricht versehen war und welches auf den Konzerten immer als allerletzte Nummer gespielt wurde, daraus sein "Vater, ja Hank?, ich möchte dich um die Ecke bringen. Mutter, Mutter, Mutter" und liess daraufhin das Mikrofon auf den Bühnenboden fallen. Orest mordet lieber gleich die mörderische Mutter und den Stiefvater sowieso - ganz im Sinne von Elektra. Während die Doors "The End" und alles was danach kam konsequenterweise auf dem Label "Elektra" veröffentlichten, unterlegte Max Reinhardt seine 1903er Inszenierung der Hofmannsthal-Elektra mit einem Meer von Fackeln und der Musik von Richard Strauss.

Erst vor Kurzem fiel mir auf, dass die Oberschule, welche ich besuchen musste, direkt an der Achse Elektrastrasse/Hugo-v.-Hofmannsthalweg/Richard-Strauss-Ring gelegen ist. Die Schule öffnete ihre Pforten 1972, zur Hochzeit der Münchner Moderne und der Olympiade und in ihr lernte ich verschiedene Fallbeispiele kennen, vor allem aber die einzelnen Fälle zu deklinieren. So kommen in der "Drahtseillady" drei Bedeutungsebenen zum tragen: Da ist die Redewendung "Du bist mein Fall" im Sinne von "Du gefällst mir" oder "Du bist mein Niedergang" ebenso enthalten, wie die scherzhafte Anwendung des Wortes "Fall" auf den Genitiv-Kasus in "Geh nie tief! - Du bist mein Fall". Der Akkordeonlauf zeichnet dazu eine hübsche Fallbewegung auf, in der einen Version gespielt von Miss Le Bomb, in der anderen von Zandra Juds. Da kommt die Mathematik ins Spiel mit ihren immerfort gegen Null strebenden Kurvendiskussionen, wenn das Drahtseil wie die Assymptote einer Parabelgleichung schwingt, was daran liegen mag, dass die Basslinie von einer bekannten afroamerikanischen R&B-Gruppe entlehnt wurde, die die Antwort auf die Frage "Was macht die Polka gerade?" mit Loopbewegungen löst.

Ex-Richard-Strauss-Konservatoriumsschülerin Polina Lapkovskaya variiert dazu das russische Thema "Die Dame geht über das Seil, als wäre sie ein Telegramm" des Russendisko-Hits "Drahtseilakt" und Marina S malt ein sportliches Cover, welches an die Ästhetik der Münchner Untergrundbahn erinnert, die für Olympia '72 erstmals ihre Pforten öffnete und mit ihren Rock'n'Rolltreppen den Ureinwohnern ein anderes Abwärtsgefühl vermittelte, als jenes des bis dahin üblichen Pater Nosters, welcher auf der Vorderseite der Platte auch noch sanft mit eingewoben ist. Kamerakino gleiten über die Brücken, die sie zwischen alten und neuen Welten schlagen wie über den Laufsteg ihres eigenen Niedergangs. Elektra verabschiedet sich im antiken Drama nach vollbrachtem Elternmord mit den Worten: "Schweig und tanze! Wer glücklich ist wie wir, den ziemt nur eins: Schweigen und tanzen." Momente später stürzt Elektra tanzend zusammen.

Piko B.

Auftritte in Bavaria

  • 27. Dezember 2006 - Substanz: Weihnachten mit Kamerakino & Freunden
  • 10. November 2006 - Färberei : Konzert mit Ausstellung von Johnny Amore
  • 26. September 2006 - Lothringer13: Öffentliche Bandprobenverfilmung
  • 29. September 2006 - Lothringer13: Playback
  • 26. Mai 2006 - Stachus: auf Übersee-Containern, in der Garderobe von Fassbinders "Querelle"

(auf Einladung der Kammerspiele)

  • 17. März 2006 im BR-Funkhaus: Doppelkonzert mit Attwenger

Veröffentlichungen

Sampler-Beiträge:

  • Fliegen/Moskau Beat (auf Catalog 1), erschienen 2003
  • Metall Auf Eis/Ganz Schnell Wohin (auf Gommagang 2),CD - erschienen 2004
  • Stop Deportation Class (auf Rage against Abschiebung - Die Compilation, CD - erschienen 2004, bei Bodensatz/Hausmusik.
  • Blaue Seeschuhe (auf Catalog 2), erschienen 2004
  • Drahtseillady Elektra (auf Freunde selbstgemachter Unterhaltung, CD + LP - erschienen 2005, bei Gutfeeling).
  • Metall Auf Eis (Dis*ka-Remix 05) auf ROXI-Sampler, (2er LP), 2005

Links

http://www.fluc.at/images/kamerakino3.jpg

von www.fluc.at

http://static.flickr.com/52/153776399_74f7cfe75f.jpg

Container-Konzert