Shelter People

aus sub-bavaria, dem Internet-Lexikon der bayerischen Subkulturen
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1973 gründete Lou Berzl die erste Landkommune im Bayerischen Wald. Zusammen mit ein paar Gleichgesinnten mietete er einen alten Bauernhof, ernährte sich makrobiotisch, probierte Fliegenpilze und baute im Garten Gras an. Was damals noch nicht verboten war.

Lou Berzl: "Die Räumlichkeiten waren beschränkt; wir hatten letztendlich 5 Zimmer, eine Küche; wir hatten kein Bad, sondern haben auf der Wiese geduscht, alles war ein bisserl provisorisch, aber das hat uns nicht gestört. Es sind dann irgendwann die ersten Amerikaner bei uns aufgetaucht; die waren aus Kalifornien und auf dem Weg nach Indien, denen ist der Bus zusammengebrochen, und dann kamen sie zu uns. Das war die Hog Farm Community, die man aus Woodstock kennt, Wavy Gravy, und Ken Kesey, diese ganzen Leute waren eine ganze Zeitlang bei uns zu Besuch."

Ken Kesey: literarisches Idol der Hippie-Generation und Autor von "Einer flog übers Kuckucksnest". Über ihre musikalischen Helden informierte sich die Jugend im Bayerischen Wald vor allem über das Radio und Fernsehen: unverzichtbar waren Club 16, Radio Freies Europa und Ö3 sowie die ARD-Sendung Beat Club. Eines Tages ging es darin um junge Menschen in Kalifornien, die lange Haare hatten, und Jefferson Airplane und Neil Young besser fanden als die Beatles.

Lou Berzl: "Das war für mich ein Schlüsselerlebnis, da saß ich mit offenem Mund vor dem Fernseher. Sowas hatte man in Deutschland noch nicht gesehen. Diese Musik war das gemeinsame Bindeglied. Diese Grateful-Dead-Gemeinde – der Bayerische Wald hatte merkwürdiger Weise immer schon eine große Grateful-Dead-Fangemeinde. Ich glaube, dass die Leute vom Land einen besseren Draht zu dieser Hippie-Geschichte in Amerika hatten."

Lange Haare, abgerissene Klamotten, Besucher aus Kalifornien: Die Leute aus den Nachbardörfern reagierten gelassen auf die Shelter People. Und gewährten ihnen Kredit für Baumaterial und Mehl, oder nahmen das Kommunen-Schwein in Zahlung. Sogar Begegnungen mit der Kirche waren friedlich und liebevoll.

Lou Berzl: "Irgendwann mal kam die Katholische Landjugend aus einem der umliegenden Orte, die sind an uns rangetreten, um mit uns über diese neue Lebensform zu diskutieren. Und dann kam der Pfarrer, ein sehr junger, aktiver, mit seiner Landjugend an eines Abends, und dann haben die uns gefragt und mit uns diskutiert. Irgendwann lagen dann auch ein paar von der Katholischen Landjugend bei uns im Bett und haben Petting gemacht, während der Pfarrer unten mit uns diskutiert hat. Das war ganz lustig."

Die Shelter People gibt es heute nicht mehr, die Katholische Landjugend dafür immer noch. Im Landkreis Cham war sie Initiator des Pösinger Open Air.